Willkommen in Moskau Lisa

Als ich aus dem grellgrünen Flieger der S7 Airline stieg (mein Flug mit Eurowings wurde ja kurz vorher storniert), schneite es bei -3° und natürlich war es schon stockdunkel um 19:25 Uhr. Überraschenderweise war die kühle Luft auf dem Gesicht sehr angenehm. Im Flughafen Moskau Domodedovo findet man sich sehr schnell zurecht, bei meiner Passkontrolle dauerte es etwas länger, da man sich anscheinend 10 Mal vergewissern musste, ob ich das auf dem Passbild bin. Für Russland wird ein Visum benötigt, gezahlt habe ich 85,- € und die Lieferzeit betrug ungefähr 3 Wochen. Das Gepäck bekam ich innerhalb von 3 Minuten, sodass ich schon den nächsten Aeroexpress ins Zentrum nehmen konnte.

An der Endstation wartete bereits mein Host Sergey mit einem Lisa-Pappschild um mich abzuholen. Für diejenigen, die nicht wissen, was ich mit Host meine: über Couchsurfing können quasi Schlafplätze, Informationen und Geschichten in der ganzen Welt ausgetauscht oder Kontakte geknüpft werden. Host ist in dem Fall der Gastgeber und Surfer der Gast. Durch Couchsurfing hat mich also eine russische Familie (Sergey, seine Frau Juliya und deren Töchter Daria und Alice) gefunden und bereit erklärt mich in Moskau aufzunehmen. Die Türen von Sergeys Auto knackten aufgrund des Eises beim Aufmachen. Er erzählte mir, dass der Winter dieses Jahr sehr früh gekommen sei. In seiner Wohngegend angelangt, stehen – nach meiner Betrachtung – große Wohnblocks nah beieinander. „Das hier ist eine sehr gute Wohngegend, die Häuser sind nur fünfstöckig.“ Da, wo ich herkomme nennt man das schon Ghetto.

Oh man ist das niedlich. Tatsächlich hat die älteste Tochter meiner Gastfamilie ein Bild gemalt und neben die Wohnungstür geklebt (Leute – jetzt ist schon klar, was ich erwarte, wenn ich wieder komme). img_20161104_231508 Nach der feierlichen Überreichung eines Paars Hausschuhen durch die gesamte Familie wurde ich erstmal in die kleine aber gemütliche Küche verfrachtet, um mich an Juliyas köstlichen Olad´i (ähnlich wie Pancakes oder Kartoffelpuffer) mit selbstgemachten Marmeladen satt essen zu können. Man merkt schnell, dass gemeinsames Essen hier sehr wichtig ist und regelrecht zelebriert wird. Man isst hier auch nicht im Gehen, auf die Schnelle. Juliya ist auch dauernd besorgt darum, dass ich zu wenig esse. Heißt, wenn ich mal gerade nicht am Essen bin, esse ich zu wenig. Gefühlt alle 2 Stunden wird erstmal Tee gekocht, sich zusammengesetzt und allerlei Süßkram genascht. Leider ist das ziemlich lecker. Daran gewöhnt man sich schnell. Wäre das auf der Arbeit mal so gewesen…

In meiner ersten Nacht musste ich nicht ums Einschlafen kämpfen. Die Müdigkeit nach der langen Reise (Harz-Berlin-Moskau) und der Familienfoto-Diashow von 40 verschiedenen Familienangehörigen, kam von ganz alleine. Und so scheußlich diese Hochhäuser hier auch aussehen, gebaut sind die wie Bunker. Obwohl bestimmt über 300 Leute in diesem Haus wohnen, habe ich in dem Gästezimmer nichts gehört. Nicht einen Ton. Außer die beiden Schildkröten im Terrarium, die ständig mit ihren Panzern lebensmüde in sich hinein schwimmen.

Am nächsten Morgen gab es erstmal ausgiebiges Frühstück mit riesigen Portionen Haferbrei mit Früchten und dazu dicke Käsebrote. Es gibt jeden Morgen Haferbrei. Hätte auch nicht gedacht, dass der so lecker und sattmachend sein kann. Auf jeden Fall konnten wir dann gestärkt zur hemmungslosen Schneeballschlacht zwischen den Häusern übergehen.

Man braucht übrigens nicht meinen, dass in Moskau überall gegen Glatteis gestreut wird. Höchstens mal ein paar Krümel am Roten Platz. Wenn es dabei nicht so kalt wäre, würde ich mich auf eine Bank setzen und einfach nur zusehen, wie sich einer nach dem anderen auf langlegt. Und ich darf das. Ich habe mich nämlich beim Spielen mit der 6-jährigen Alice am Spielplatz auf dem Rutschturm (die Spielgeräte sind alle aus einer Art Hartplastik und somit noch glatter) auch schon aufs Kreuz gelegt und bin die Rutsche so schneller als beabsichtigt runtergerutscht. (Es geht mir gut!)

Ich muss mich noch etwas daran gewöhnen, nicht direkt unter Dachrändern herzulaufen, schon fast 3 Mal hätte ich Schneelawinen oder Eiszapfen auf den Kopf bekommen. Und warum? Nicht nur weil es schmilzt, sondern weil die Leute hier ohne Rücksicht auf Verluste ihre Dächer abfegen.

Meine kunstbegeisterte Gastfamilie ließ mich auch sofort an ihrem Familienausflug in die leider bereits überfüllte Tretyakov State Gallery teilhaben. Ich empfehle jedem an Feiertagen und Wochenenden bereits 15 Minuten vor Öffnung oder erst ab ca. 16:00 Uhr dort zu sein. Anderenfalls ist eine Wartezeit von 30-45 Minuten üblich, in der Regel aber durchaus länger. Es sollten für den Besuch 4 Stunden, sowie 400 Rubel pro Person eingeplant werden.

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Tretyakov State Gallery in Moskau gegen 16:00 Uhr ist die Warteschlange bedeutend kürzer

Am selbigen Abend verabredete ich mich noch mit einer Bekannten um die Ballettvorstellung Thumbelina im Ballet Moscow Theatre für 900 Rubel zu besuchen. Was wir bei der Buchung meisterlich übersehen haben, ist, dass es sich um ein Stück für Kinder handelt. Aufgefallen ist uns das auch erst, als wir drin waren und 500 laufende Meter um uns herum. Aber das musste ja nichts heißen. Russisches Ballett, wenn man es richtig macht, ein Traum. Leider war das die grottigste Vorstellung, die ich je gesehen und die erste, bei der ich nach 35 Minuten den Saal verlassen habe. Die tänzerische Leistung war mit Sicherheit nicht schlecht. Aber alles andere war leider einfach scheiße. Die Härte war der Weinbergschnecken-Darsteller im Hintergrund, der in Zeitlupe einfach nur sein Schneckenhaus zog. Um den Job müssen sich garantiert alle gerissen haben. Wir sind dann stattdessen dekadent Pelmeni mit Pilzfüllung im Moskovskaya Kukhmisterskaya essen gegangen. Das Essen war nicht gerade billig, aber dafür ist Moskau ja bekannt: Nach oben sind keine Grenzen.

Im Süden der Stadt ist der Anteil der armen Bevölkerung am Größten. Die Mieten sind hier günstiger und auch viele Migranten finden ihr Zuhause im südlichen Teil Moskaus. Die Gegensätze der Bevölkerung werden schon in der Metro deutlich: beispielsweise Frauen in teuren (sehr zu meinem Bedauern) Pelzmänteln neben Frauen in eigentlich untragbarer, kaputter Kleidung. Die teuersten Pelzmäntel fahren allerdings in einer Limousine in den überfüllten Straßen Moskaus spazieren. Eigentlich bräuchte ich nicht erwähnen, dass im Norden, Westen und allem voran im Zentrum die Mieten sehr hoch angesetzt sind. Im östlichen Teil findet sich dann die „Mittelschicht“ wieder. Aus Sicherheitsgründen verzichte ich auf die Erwähnung politischer Themen in meinem Blog.

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Suppe, Beerenmost, Gurken- und Tomatensalat und ein mit süßer Kartoffel gefülltes Brötchen

Widmen wir uns den schönen Dingen im Leben. Zum Beispiel russischem Essen in ungewöhnlichem Ambiente. Das Essen in der Klosterkantine des Vysoko-Petrovsky Klosters ist super lecker, auch für Vegetarier, preiswert und einfach interessant. Jeder kann hier essen. Jesus guckt dir mit streng gemaltem Blick von der Decke aus beim Essen zu. Nach einer ganztägigen Sightseeing-Tour im Zentrum Moskaus ist das Essen der perfekte Abschluss.

 

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Klosterkantine des Vysoko-Petrovsky Klosters

 


3 Gedanken zu “Willkommen in Moskau Lisa

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